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title: "Augmented Reality als Ersthelfer?"
language: "de"
type: "post"
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date: "2020-03-23"
section: "Review-Artikel"
categories: ["Ambulante ärztliche Versorgung", "Augmented und Virtual Reality", "Krankenhaus", "Telemedizin"]
author: "Thea Kreyenschulte"
reading_time: "5 Min."
description: "Die Synthese virtueller und reeller Umgebung mittels Augmented Reality verspricht große Potenziale in der akuten Notfallversorgung."
publisher: "Lehrstuhl für Management und Innovation im Gesundheitswesen, Universität Witten/Herdecke"
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# Augmented Reality als Ersthelfer?

*23.03.2020 · Review-Artikel · Von Thea Kreyenschulte*

Augmented Reality (AR) beschreibt keine originär medizinische Technologie, verspricht jedoch eine sinnvolle Ergänzung in Versorgungssettings wie der medizinischen Akutversorgung, der stationären Behandlung oder bei Einsätzen in Krisensituationen und -gebieten. Im Gegensatz zu Virtual Reality (VR) – das Versetzen von Nutzern in eine virtuelle Welt, in der sie agieren, aber nichts an ihrer Realität verändern – ermöglicht AR eine Erweiterung der Realität, angereichert durch technisch-virtuelle Informationen, die sämtliche menschlichen Sinne ansprechen (1, 2).

Eine derartige Realitätserweiterung bietet Potentiale für eine optimierte Versorgung – besonders dann, wenn kritische, akutmedizinische Szenarien eintreten oder auf ebensolche vorbereitet werden soll. Wie können zusätzliche Informationen, die schnell verfügbar, verwendbar und im besten Fall (mit)teilbar sind, schon heute und in Zukunft speziell Notfalleinsätze unterstützen?

#### Status Quo: AR-gestützte Notfallversorgung

Aufgrund der Synthese virtueller und reeller Umgebung verspricht ein AR-Einsatz in gesundheitlichen Notfallsituationen versorgungsrelevante Unterstützung: Mittels situativem und kontextuellem Input durch ergänzende Sound-, Video-, grafische oder GPS-Daten, werden Ersthelfern neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet (3). Nutzer erhalten die Möglichkeit per Touchscreen oder mit bestimmter Gestik über spezielle Hardware auf zusätzlichen visuellen oder auditiven Content zuzugreifen.

Die aktuelle klinische Forschung zum Einsatz von AR-Lösungen im Bereich der Notfallversorgung steckt 2020 noch in den Kinderschuhen. Unter 24 bis dato durchgeführten Studien zu diesem neuen Themenkomplex, beinhaltet lediglich eine die direkte Integration von AR in der Notfallmedizin, alle weiteren stellen partiell Verbindungen zum Themenfeld her, z.B. durch verbundene Subdisziplinen (3). Übergeordnet stehen Hardwarekomponenten, speziell in OP-Szenarien vereint vor der Herausforderung der Einhaltung von Hygienestandards: eine vorschriftsmäßige Desinfektion von beispielsweise AR-fähigen Brillen ist derzeit nur teilweise umsetzbar.

#### Ausgewählte Anwendungsgebiete möglich

Mögliche Anwendungsszenarien von AR-Technologien in akutmedizinischen Situationen mit plötzlich auftretenden gesundheitlichen Beschwerden, werden in der Forschung wie folgt klassifiziert:

1. **Schnittstellen zur Benutzerumgebung anhand von Peripheriegeräten.** Headsets oder spezielle AR-Brillen (z.B. Google-Glasses) können zur Unterstützung in Akut- oder OP-Situationen eingesetzt werden (1). Besonders hilfreich kann der Technologieeinsatz in der Behandlung kritischer Zustände mithilfe eingespielten Bildmaterials, Zweitmeinungen oder Dosierungsanleitung von Medikamenten, bereits im Einsatzfahrzeug des Notarztes sein (3).
2. **Telemedizin in der Notfallversorgung** umfasst AR-Anwendungen, die über räumliche Distanz Unterstützung und Instruktionen vorhalten, ebenso wie AR-Lösungen zur Triagierung (Ersteinschätzung) oder zum Desaster-Management im Zuge der Notfallversorgung. Besonders eine Triagierung von Notfallpatienten kann unter Einsatz von AR-Technologien akkurater und effizienter ausgeführt werden (3).
3. **Training und Ausbildung.** Hier konzentrieren sich AR-Anwendungen meist auf das Erlernen und Trainieren medizinischer Prozeduren ebenso wie Entscheidungsfindung in simulierten Szenarien. So kann die Bereitstellung virtuell erzeugten Bildmaterials zur Überlappung mit tatsächlichem Gewebe in der Planung von OPs und dem entsprechenden Anlernen medizinischen Personals – z.B. beim Legen von Zugängen oder Injektionen – genutzt werden (1, 4). Beim Einsatz von AR-Technologie im Erlernen medizinischer Techniken ist besonders von Vorteil, wenn eine Rückkopplung zwischen AR-Szenario und Versorgungsrealität stattfindet. Dies lässt sich besonders leicht beim Interpretieren von Ultraschall oder EKG umsetzen (3).

#### Notwendigkeit effizienter Unterstützung

Adäquate und fundierte Entscheidungen sind bereits im Notarzt-Einsatzwagen unabdingbar (5). Kritische Faktoren und somit Herausforderungen, die durch AR bedient werden können, sind vor allem Entscheidungsfindung und Experteneinbindung. Dies wird besonders anhand eines Beispiels aus der Versorgung von Massenunfällen deutlich. AR konnte im Falle großer Verletztenzahlen zur Triagierung genutzt werden und so eine Steigerung der Einschätzungsgenauigkeit um etwa 34 Prozent bewirken. Durch den Einsatz von Smart Glasses konnte zum einen der Triage-Algorithmus für Versorger eingeblendet werden, zum anderen konnten Experten telemedizinisch mithilfe der in die Brille integrierten Kamera konsultiert werden (6).

AR-Anwender profitieren demnach nicht allein von virtuellen Informationen, wie es in bereits verwendeten Lösungen wie Apps mit einfach zugänglichen Checklisten, Standards oder Chats zur Entscheidungsfindung der Fall ist (7, 8). Auch die direkte Kommunikation und Spiegelung bzw. Integration von z.B. Expertenmeinungen via Telemedizin wirken bei AR besonders. Dieser Kommunikationsform wird daher im Bereich der präklinischen Notfallversorgung Potenzial zugesprochen, die sogenannte „Rettungskette“ zu unterstützen (9). Auch umgekehrt funktioniert diese nahtlose Weitergabe und ermöglicht, medizinisches Personal in aufnehmenden Kliniken besser auf ankommende Notfälle vorzubereiten.

#### Implikationen

In der Notfallmedizin, in der schnelle Reaktionen und eine Offenheit für spontane Ereignisse gefordert sind, verspricht AR durch eine Interaktivität in Echtzeit großen Nutzen – sowohl für den Einsatz im Rettungswagen als auch in der Notfallaufnahme von Kliniken. Voraussetzung hierfür ist, dass virtuelle Elemente so eingesetzt werden, dass sie die Aufmerksamkeit nicht vom Patienten und seinen Bedürfnissen nehmen, sondern mit sinnvollen Informationen ergänzen (3, 4). Gleichzeitig stellt die korrekte Anwendung dieser neuen Lösungen Anforderungen an die Versorger, durch eine intensive und regelmäßige aktive Auseinandersetzung mit den zusätzlichen technischen sowie Hardwarekomponenten, handlungsfähig zu bleiben und die sich bietenden Potentiale nutzen zu können.

Zusätzlich muss AR zukünftig verstärkt hinsichtlich des Einflusses auf die Patientensicherheit und zu erwartender medizinischer Outcomes evaluiert werden (4). Bis dato sind Ableitungen konkreter Implikationen aufgrund der stark zugespitzten Methodik durchgeführter Evaluationen kaum möglich: Studienergebnisse zum Einsatz von AR in der Notfallversorgung oder angrenzenden Bereichen sind überwiegend deskriptiv und umfassen nur kleine Kohorten. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf. Zeitgleich stecken die für AR benötigten Hardwarekomponenten größtenteils noch in den Kinderschuhen. Es gilt die Praktikabilität von existierenden Prototypen für den Einsatz in realen Settings zu optimieren (4), um eine Grundlage zur weiteren Evaluation von AR zu gewährleisten und den Weg in Versorgungssettings zu ebnen (3).

Quellen

1. Obagi Z, Rundle C, Dellavalle R. Widening the scope of Virtual Reality and Augmented Reality in dermatology. Dermatology Online Journal. 2020;26(1). [zum Original](https://escholarship.org/uc/item/6mz1s20x)

2. Eckert M, Volmerg JS, Friedrich CM. Augmented Reality in Medicine: Systematic and Bibliographic Review. JMIR Mhealth Uhealth. 2019;7(4):e10967. [zum Original](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31025950)

3. Munzer BW, Khan MM, Shipman B, Mahajan P. Augmented Reality in Emergency Medicine: A Scoping Review. J Med Internet Res. 2019;21(4):e12368. [zum Original](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6492064/)

4. Gerup J, Soerensen CB, Dieckmann P. Augmented reality and mixed reality for healthcare education beyond surgery: an integrative review. Int J Med Educ. 2020;11:1-18. [zum Original](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31955150)

5. Jörg J. Digitalisierung in der Medizin. Wie Gesundheits-Apps, Telemedizin, künstliche Intelligenz und Robotik das Gesundheitswesen revolutionieren: Springer; 2018. [zum Original](https://www.springer.com/de/book/9783662577585)

6. Follmann A, Ohligs M, Hochhausen N, Beckers SK, Rossaint R, Czaplik M. Technical Support by Smart Glasses During a Mass Casualty Incident: A Randomized Controlled Simulation Trial on Technically Assisted Triage and Telemedical App Use in Disaster Medicine. J Med Internet Res. 2019;21(1):e11939. [zum Original](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30609988)

7. Klingberg A, Wallis LA, Hasselberg M, Yen PY, Fritzell SC. Teleconsultation Using Mobile Phones for Diagnosis and Acute Care of Burn Injuries Among Emergency Physicians: Mixed-Methods Study. JMIR Mhealth Uhealth. 2018;6(10):e11076. [zum Original](https://digitalcommons.wustl.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=8284&context=open_access_pubs)

8. Genes N. mHealth in Emergency Medicine. Grab your smartphone to get a grip on app-driven clinical decision rules and tools. 2017. [zum Original](https://www.researchgate.net/publication/320684928_mHealth_in_emergency_medicine_special_report)

9. Czaplik M, Bergrath S. Telemedizin in der Notfallmedizin. eHealth in Deutschland Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen: Springer; 2016. 347-63. [zum Original](https://www.springer.com/de/book/9783662495032)





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**Kategorien:** Ambulante ärztliche Versorgung, Augmented und Virtual Reality, Krankenhaus, Telemedizin

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